neotango?
was ist neotango?
und wenn ja wie viele?
Eine Polemik zum Verhältnis von Neotango und Retrotango
»In Sachen Tango ist es immer sehr delikat, eine Meinung zu äußern. Die Gefahr, dass man vom Tango etwas Falsches behauptet oder dass man eine der lebendigen oder toten historischen Persönlichkeiten des Genres beleidigt, ist groß. Nur ist hier nicht die Frage zu stellen, ob Carlos Gardel Argentinier oder Uruguayer von Geburt her war - es liegt vielmehr nahe zu vermuten, dass durch Gotan Project die vierte Tango-Revolution stattgefunden hat.« Die Annahme, die Diego Siegelwachs 2007 in seinem Beitrag »GOTAN PROJECT und die vierte Tango-Revolution« äußert, hat sich unüberhörbar bestätigt.

(vgl. http://www.alolatino.de)
»La Revancha del Tango« von Gotan Project im Jahre 2001 markiert nicht unbedingt historisch, aber stilistisch die Geburtsstunde des Neotango, einem trendigen, tanzbaren Stilmix des Tangos mit elektronischen Beats und Sounds. Der Neotango ist angetreten, die erstarrten musikalischen, tänzerischen, sozialen und kommunikativen Konventionen des Tango der 80er und 90 Jahre aufzubrechen. Vergleichbar mit der Formation des Jazz verschmilzt er den Tango mit Impulsen aus dem gesamten Spektrum der zeitgenössischen Jugendkultur, revitalisiert sich und gewinnt seine ursprüngliche Lebendigkeit, Innovations- und Improvisationskraft zurück.
In diesem Prozeß trifft er auf die entschiedene Ablehnung von Verfechtern des sog. »Tango Argentino«, der seine Identität aus dem klassizistischen Höhepunkt des Tango Ríoplatense, dem Tango d`Oro der 40er Jahre bezieht. Da sich dieser Hegemonialanspruch exklusiv auf das gesamte Formenvokabular des Tangos erstreckt - von der Musik, über Tanz bis hin zur Kleiderordnung - kann diese Position als Retrotango bezeichnet werden.
»Der Begriff bezeichnet ein kulturelles Phänomen, das Kunstwerke oder Kulturleistungen allgemein weder auf Grundlage aktuell vorherrschender Stil-Codes bzw. aktueller ästhetischer Konzepte noch als deren kreative Weiterentwicklungen bzw. als originäre Neuschöpfungen hervorbringt, sondern durch Rückgriff auf Konzepte oder Stile vergangener Epochen.«
(vgl. http://de.wikipedia.org)

Der Retrotango hat eine ähnlich seltsame Position eingenommen wie beim Rudern: Man sieht nicht, wo man hinfährt, und das, was man sieht, wird immer ferner und unschärfer. Er bezeichnet einen ästhetischen Rückgriff auf das Formenvokabular der zu Ende gehenden Goldenen Epoche und verbindet ihn mit einem offensiven und dogmatischen Alleinvertretungsanspruch. Er reklamiert für sich allein, den authentischen »Tango Argentino« als End- und Höhepunkt seiner Entwicklung zu repräsentieren.
Hat der Retrotango tatsächlich einen Alleinvertretungsanspruch für die gesamte Geschichte des Tango gepachtet? Ist es vielleicht nicht vielmehr so, daß gerade der verfemte Neotango Bezüge zu den archaischen Wurzeln des Tango herstellt und diese in der Gegenwart kulturell wiederbelebt und revitalisiert?
Da die Epochen hinreichend bekannt sein dürften, soll ein verkürzter, schlaglichtartiger Rückblick auf die Entwicklung des Tangos ausreichen.
1. Phase - Tango-Frühgeschichte
Tanz und Musik waren in der Geschichte des Tango bereits seit seiner Geburtsstunde schon immer eng miteinander verflochten. Er war in seinen Anfängen fester Bestandteil der Volkskultur afrikanischer Sklaven, indigener Voksgruppen und europäischer Einwanderer. In dieser Zeit wurde quasi improvisierend-anarchisch dessen musikalisches und tänzerisches Fundament auf Basis der Candombe als ehemals kultischer Tanzpantomime, der Habanera, Mazurka, Polka, Walzer und Ländler sowie den mobilen Instrumenten Bandoneon, Flöte, Violine und Gitarre, ausgebildet.
2. Phase - Konsolidierung (1880 - 1955)
Der Tango verläßt die verarmten Viertel von Buenos Aires - die arrabales - in Richtung Europa, kehrt als Salontango geadelt in die Salons der argentinischen Oberschicht zurück und erfährt dort bis zur Goldenen Epoche der 40er Jahre einen umfassenden Professionalieserungsschub, sowie eine breite gesellschaftliche Anerkennung der Tango-Orchester und TänzerInnen.
3. Phase - Restauration (~ 1980)
Die Unterbrechung der Entwicklungsdynamik des Tango in Europa und speziell in Deutschland durch den aufkommenden Faschismus Anfang der Dreißiger Jahre bzw. durch eine Serie von Militär-Diktaturen in Argentinien (1955 – 1983) war »die« Grundbedingung für die Ausprägung des Retrotangos. Da eine ganze Generation von Tangomusikern und -tänzerInnen fehlte, knüpfte man in den 80er Jahren eben am Schlußpunkt der Taditionslinie an.

Die große Ausnahme war der erst geächtete, später als Erneuerer des Tango gefeierte Bandoneonist und Komponist Astor Piazzolla. Das Horizonte-Festival 1982 in Berlin sowie die Bühnenshow »Tango Argentino« in Paris lösten eine Tangowelle aus, die bis heute nicht verebbt ist und zur Gründung von Tangostudios in fast jeder größeren Stadt führte.
(siehe auch: http://www.folker.de)

»Der Aufbau des Marktes Tango in Europa begann in jenem Moment, in dem Exilargentinier, die in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren im Zuge der Militärdiktatur nach Europa kamen, sich in Europas Metropolen mit dem Tango eine neue Existenz aufbauten. Der Tango wurde ihr Standbein und ihre Identifikation in Europa.« (vgl. Vicky Kämpfe, Tango der Metropolen. Bedeutungsveränderungen des Tango auf seinem Weg von Buenos Aires in die europäischen Metropolenkulturen, S. 108). Die meist an Tango-Studios angegliederten Milongas - sowie Bälle und Festivals - dienten als deren Rekrutierfeld, um Teilnehmer für einträgliche Workshops zu interessieren.
Der Retrotango pflegte seine Exklusivität und festigte seinen Warencharakter im Zusammenspiel von Tango-Produzenten und Konsumenten. Er wurde seinem sozialen Rahmen entrissen, stilisiert, professionalisiert, klassizistisch in Stein gemeißelt und zu einer exklusiven, teuren und käuflichen Marke, die auch in das Marketing-Instrumentarium der Konzernetagen Eingang fand. Vgl. dazu die Studie von Marta Savigliano, die eine Analyse der Rezeption, Adaptation und Kommerzialisierung des Tango aus einer marxistischen und feministischen Perspektive vorlegt. (Savigliano: Tango and the political Economy of Passion, Boulder: Westview, 1995)

Zentraler Bestandteil der Kommerzialisierung und Markenbildung war deren Ausprägung als »Tango Argentino« (den Begriff kennt man in Buenos Aires so nicht) mit dem ausgrenzenden Alleinvertretungsanspruch als »der authentische« Tango. Der Authentizitätsanspruch ergibt sich für die Exilargentinier durch ihre Nationalität von selbst. „Argentinische Startänzer können alles an Honorar verlangen, denn bezahlt wird, wer authentisch ist, und das ist, wer in Buenos Aires lebt, italienischen Nachnamen hat und sich bewegen kann.“ (Allebrand: Von Erotik zu Aerobic, in: Tango Danza Jg. 5 (H 4), S. 78) Für die deutschen Tango-LehrerInnen, die ebenfalls an dem lukrativen Geschäft partizipieren wollten, stellte dieses Ausschluß-Kriterium jedoch ein fast unlösbares Dilemma dar. Sie waren darauf angewiesen, sich ersatzweise eine Aura von Authentizität durch ausgedehnte, wiederholte Studienreisen in das Mekka des Tango und die extensive Teilnahme an Workshops bei angesagten, argentinischen TangolehrInnen sowie das Eintauchen in die Tangowelt der Metropole Buenos Aires anzueignen. »Der Tango wurde in den Nischen der dunklen Gassen von Buenos Aires in den 80er Jahren von Europäern wiederentdeckt.
(http://www.ila-web.de)

So entwickelte sich in diesem Zeitraum ein reger »Warenaustausch« zwischen den Tangometropolen Europas und Argentiniens (aber auch Japans und der USA), der den Tango zu einem Import- / Exportprodukt raffinierte. Im Ergebnis führte diese Entwicklung in Europa zu einer regressiven, nostalgischen Rückwärts-Orientierung auf den »authentischen Tango« der Goldenen Ära der 30er bis 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei ist er mehr als eine wehmütige Hinwendung zu den musikalischen und tänzerischen Wurzeln dieser Epoche. Er ist im weitesten Sinn eine umfassende Re-Inszenierung und Idealisierung des Inventars des Tango nach den Maßstäben der relativ kurzen Epoche des Tango d`Oro und dessen Festschreibung in der klassizistisch erstarrten Systematik des Retrotango mit diesen Komponenten:
♦ Community mit ausgeprägten hierarchischen Strukturen nach innen und Wahrung eines elitären Gestus nach außen.
♦ Musikalische Einschränkung auf das Sexteto Típico und das Orquesta Típica als den stilbildenden Tangoformationen des Tango d´Oro
♦ Noble Locations, wie Cafés, Salons und glanzvolle Ballsäle
♦ Hispanisierte Fachterminologie
♦ Extravagante, teure Sonderausstattung bei Kleidung, Schuhen und Accessoires
♦ Choreografische Restauration des traditionellen Geschlechterverhältnisses
♦ Bizzarre, fast höfisch anmutende Rituale und Codes
(vgl. http://www.el-amateur.de
4. Phase - Innovation
Tango Nuevo (~ 1960 / 1990)
Die Grenzen zwischen Tango Nuevo und Neotango sind fließend - stilistische Abgrenzungen haben im Milonga-Alltag kaum eine Bedeutung, auch wenn es Einzelmeinungen gibt, die krampfhaft klare Abgrenzungen in die Stile hineininterpretieren müssen.
(vgl. The difference between Nuevo and Neo, http://www.virtuar.com)

Die kompositorische Erneuerung des Tangos in der Folgezeit ist Astor Piazzolla zu verdanken. »Piazzolla entwickelte den Tango weiter und assimilierte für diesen Zweck höchst unterschiedliche Einflüsse. So hört man in den Stücken von Piazzolla sowohl Elemente der Klassik als auch der argentinischen Folklore, der Neuen Musik und Ingredienzen des Jazz.«
Ab 1990 begannen Gustavo Naveira, Fabian Salas und Pablo Veron eine neue Tangosystematik zu entwickeln, die in Anlehnung an Piazzollas Improvisationstechnik gleichfalls als Tango Nuevo bezeichnet wurde.
5. Phase Neotango (~2001)
Musik
Stilistisch knüpft der Neotango - bezogen auf die Instrumentierung auch als Electrotango bezeichnet - am Tango Nuevo und dessen Wurzeln im Progressive Jazz, Klassik und Neue Musik, sowie an Trip Hop Deep House, Downbeat, Ambient und Worlsmusic an. Der explizite Bezug auf die afrikanischen Wurzel z. B. der Murga und Candombe, die stilistisch stark von Percussioninstrumenten dominiert wird, schlägt einen musikalischen Bogen von den archaischen Anfängen des Tango bis zu zeitgenössischen Stilelementen.
»Der Musikstil entstand Ende der 1990er Jahre gleichzeitig in Europa und in Argentinien. Erste Ansätze gab es in der experimentellen House-Szene (Tango-House) sowie im Trip Hop und im Drum and Bass.«
Da die Identitäten, Identifikationsmuster und die kulturellen Erzeugnisse der Nationalstaaten nicht mehr so stark ausgeprägt sind wie früher, sondern vielmehr durch die globalisierte Diaspora gekennzeichnet sind, ist es kaum noch bemerkenswert, daß es in Europa zeitgleich zur Verschmelzung von Tango mit zeitgenössischer Musik kam. Eine nicht abreißende Zahl von Neotango-Bands mit einer schier unbegrenzten stilistischen Vielfalt treten seither ins Rampenlicht: Bajofondo, Gotan Project, Narcotango, Otros Aires, Tanghetto, Ultratango, Electrocutango, Tango Crash, Tango Fusion Club, San Telmo Lounge, um nur einige zu nennen. Gegenwärtig befinden sich bspw. mehr als 140 Neotango-Interpreten auf der Playlist der tanguerilla, einer Bremer Neolonga. Angesichts dieser musikalischen Breite läßt sich Neotango kaum noch als Nischenprodukt bezeichnen.
Stilistische und instrumentale Kontraste erzeugen einen Spannungsbogen, der Neotango archaisch und modern, bodenständig geerdet und zügellos entfesselt, intim und exhibitionistisch, intellektuell kühl und erotisch lasziv zugleich schillern läßt. Akustische und elektronische Instrumente werden zusammenarrangiert, dominante Bass- und Rhythmuslinien werden von Violinen überlagert, Soundsamples, Scratches und Drumcomputer verbinden sich mit einer weiblichen Solosstimme und das Bandoneón verleiht dem Gesamtarrangement schließlich den markanten Tangotouch.

Tanz
Der Neotango hat seine Wurzeln im scharfen, akzentuierten street style des Tango Orillero wie er Ende des 19. Jahrhunderts getanzt wurde.
(vgl. http://www.virtuar.com)
Neotango als Tanzstil bezeichnet das bewusste Öffnen, bis hin zum Verlassen der klassischen Tanzhaltung. Dabei werden Elemente des Erforschens von Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten aus der Contact-Improvisation, der Tanzimprovisation und dem Modern Dance eingearbeitet. Typisch sind die Elemente, die mit der Aufgabe der Achse, der Schwerkraft und Fliehkraft sowie gegensätzlichen Tanzrichtungen spielen. Dabei ist der Stil nicht fokussiert auf spezielle Figurensequenzen, sondern auf innovative Bewegungsprinzipien und -variationen.
Locations
Abseits des Mainstreams bildeten sich bald eine Vielzahl von avantgardistischen Neotango-Locations, die als Neolongas, TangoClubs, Tango-Lounge oder elongas bezeichnet werden. Im deutschsprachigen Raum gibt es zur Zeit 35 regelmäßig stattfindende Neolongas
(vgl. www.neotango.de).
Inspiriert vom Film »The Tango Lesson« mit Sally Potter and Pablo Verón, aber auch aus finanziellen Gründen finden Neolongas und eLongas häufig an Orten statt, die historisch die Geburt des Tangos markieren: Straßen, Fabriken und Hinterhöfe. Damit kehrt der Neotango - ebenfalls instinktsicher - zu seinem sozialen Ausgangspunkt, den Arbeitervierteln und öffentlichen Plätzen zurück.
Mode
Der dresscode ist informal - soll heißen, es gibt keine spezielle Kleiderordnung wie im Retrotango. Bezugspunkt ist hier ebenfalls die Alltagskultur - Alles paßt.
Video
Die assoziative Kraft des Tangos als sichtbarer Musik, aber auch der audio-visuelle Charakter von Milongas und Konzerten - bei denen fast immer getanzt wird - inspirierte Neotango-Bands wie Gotan Project, Otros Aires, Tanghetto und San Telmo Lounge Live-Gigs mit Videos aufzuwerten. Ästhetisch an aktuelle Musik-Videos angelehnt, fanden vorproduzierte, sequentielle Video-Projektionen bald auch Eingang in einige Neolongas und elongas. In weitergehenden Konzeptionen werden Videos werden von einem VJ live gemischt, auf riesige Screens projiziert und mit Neotango-Tracks taktgenau synchronisiert. So entsteht ein virtueller, mediengenerierten Raum, der mit der Sinnlichkeit des Tangos zu magischer Intensität verschmilzt.
Nach den Jahren der hermetischen Abgeschlossenheit des Tango schafft der Neotango eine ergebnisoffene Entwicklungsperspektive des Tango - auf einer nach »oben offenen Richter-Skala«, die auf Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Monopole und Hegemonialansprüche zugunsten einer musikalischen, tänzerischen, und sozialen Diversifikation des Tangos unabhängig von sexuellen Identitäten verzichtet.
Mit dem Neotango kehrt der Tango zu seinen Wurzeln zurück und erfindet sich einmal mehr neu.
Volker Marschhausen, www.tanguerilla.deErstmals veröffentlicht in der Tangodanza 1/09